Projekttitel
Entwicklung von Lösungsansätzen zur Minderung von Konflikten zwischen Fischerei, Artenschutz und dem Eurasischem Fischotter (Lutra lutra) in Schleswig-Holstein
| Projektdaten | |
|---|---|
| Projektleitung: | Prof. Prof. h. c. Dr. Ursula Siebert |
| Wissenschaftliche Mitarbeiter: | Dr. Kai Sören Lehmann, Dr. Andreas Ruser, Dr. Tobias Schaffeld, Janina Büntge |
| Laufzeit: | April 2026 - Dezember 2028 |
| Förderung: | Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur |
Projektbeschreibung
Der Eurasische Fischotter (Lutra lutra) ist ein in Deutschland heimischer Spitzenprädator in Süßwasserhabitaten und nimmt damit eine besondere Stellung in aquatischen Ökosystemen ein. Als Indikatorart für die Belastung von Lebensräumen und die Bedrohung der Biodiversität spielt er eine wichtige Rolle im Natur- und Artenschutz. Historisch kam es im 20. Jahrhundert zu einem massiven Einbruch der Bestände, verursacht durch Lebensraumverlust, Umweltverschmutzung und direkte Verfolgung. Dank gezielter Arten- und Habitat-Schutzmaßnahmen konnten sich die Bestände in Westeuropa, darunter auch in Deutschland, wieder erholen.
Mit dem Wiederanstieg der Populationen geht jedoch ein Wiederaufleben von Nutzungskonflikten einher. Fischotter sind opportunistische Jäger und werden von der Teichwirtschaft und Binnenfischerei vielfach als Nahrungskonkurrent wahrgenommen. Hinzu kommt ein erhebliches Gefährdungspotenzial durch Straßenverkehr, der in Deutschland zu den Haupttodesursachen gehört. Vor diesem Hintergrund gibt es einen erhöhten Bedarf an konkreten Managementmaßnahmen.
In einem vorherigen Projekt konnten durch den Einsatz von Fotofallen und Kotanalysen Erkenntnisse zur Habitatnutzung, zum Nahrungsspektrum und zum Reproduktionspotenzial des Fischotters in Schleswig-Holstein gewonnen werden. Diese Basisdaten belegen die wachsende Bedeutung der Art und zeigen in unterschiedlichen Bereichen Konfliktfelder auf, reichen jedoch nicht aus, um das Konfliktpotenzial mit der Teichwirtschaft und gefährdeten Fischarten sowie das Gefährdungspotenzial durch Straßenquerungen abschließend zu bewerten bzw. mit den Anforderungen des Artenschutzes konforme Lösungsstrategien zu entwickeln.
Ein zentrales Defizit besteht darin, dass individuenbasierte, hochaufgelöste Daten zu Habitatnutzung und Verhalten bislang fehlen. Bisherige Telemetrie-Ansätze waren überwiegend invasiv, oder mit tierschutzrelevanten Risiken durch den Fang und eine Narkotisierung verbunden. Neue nicht-invasive Methoden zur Anbringung von Sendern (z. B. Fellkleber oder klettbasierte Systeme) wurden international erprobt, jedoch bislang nicht in Deutschland oder im Kontext der Konfliktbewertung. Neuste Studien zeigen Möglichkeiten auf, Wildtiere, ohne deren Fang in ihrem natürlichen Habitat zu besendern und somit mehr über deren natürliches Verhalten in Erfahrung zu bringen.
Vor diesem Hintergrund setzt das beantragte Projekt genau an den bestehenden Wissenslücken an: Durch die Entwicklung nicht-invasiver Telemetriemethoden sollen erstmals individuenbasierte Daten zu Habitatnutzung, Konfliktnutzung (Fischteiche) und Straßenquerungen gewonnen werden. Parallel dazu wird die Effektivität akustischer Vergrämungsmaßnahmen in der Teichwirtschaft untersucht. Damit leistet das Vorhaben einen direkten Beitrag zur Entwicklung praxisnaher Managementstrategien, die sowohl den Artenschutzanforderungen als auch den Bedürfnissen der Fischwirtschaft Rechnung tragen.
Fragestellungen und Projektziele:
- Können Otter ohne Fang mit Telemetriegeräten besendert werden?
- Können individuenbasierte Telemetriedaten genutzt werden, um das Konfliktpotenzial von Eurasischen Fischottern in der Teichwirtschaft präzise zu bewerten?
- Welche Otter-Individuen nutzen Fischteiche, wie häufig tun sie dies, und wie lässt sich daraus ein gezieltes Konfliktmanagement ableiten?
- Wie groß ist das Gefährdungspotenzial von Ottern durch Straßenquerungen in Schleswig-Holstein, und an welchen Hotspots können Schutzmaßnahmen ansetzen?
- Lassen sich akustische Vergrämungsmaßnahmen wirksam einsetzen, um Fischotter aus Fischteichen fernzuhalten, ohne ihr Verhalten in angrenzenden Habitaten negativ zu beeinflussen?
Entwicklung und Erprobung nicht-invasiver Telemetriemethoden
Zentrale Voraussetzung für die Bewertung des Konfliktpotenzials zwischen Fischottern und der Fischteichwirtschaft sowie des Gefährdungspotenzials durch Straßenquerungen ist die Verfügbarkeit hochaufgelöster, individuenbasierter Bewegungs- und Habitatdaten. Bisherige Telemetriemethoden bei Fischottern waren überwiegend invasiv, etwa durch intraabdominale Implantationen, oder mit tierschutzrelevanten Risiken behaftet, beispielsweise durch Gurtsysteme, die sich in der Vegetation verfangen können. Für die Erhebung praxistauglicher Daten sind neue, nicht-invasive Methoden erforderlich.
Im Projekt sollen daher innovative Verfahren zur Anbringung von Telemetriesendern entwickelt und erprobt werden, die ohne Fang und Operation auskommen.
Individuenbasierte Bewertung von Konflikt- und Gefährdungspotenzialen
Mit den neuen Methoden können wir erstmals nachvollziehen, ob und in welchem Ausmaß einzelne Otter Fischteiche nutzen, wie regelmäßig solche Nutzungen stattfinden und ob sich dabei wiederkehrende Muster erkennen lassen. Dies ermöglicht eine differenzierte Bewertung: Nicht die gesamte Population, sondern nur bestimmte Individuen verursachen Konflikte. Auf dieser Grundlage lassen sich gezielte, effiziente Managementmaßnahmen entwickeln, die sowohl den Anforderungen der Teichwirtschaft als auch den Belangen des Artenschutzes gerecht werden.
Parallel dazu wird mit den Telemetriedaten das Gefährdungspotenzial durch Straßenquerungen erfasst. Durch die hochaufgelösten Bewegungsdaten lassen sich Hotspots für Querungen identifizieren. Damit werden erstmals belastbare Grundlagen geschaffen, um konkrete Schutzmaßnahmen wie Querungshilfen oder Leiteinrichtungen räumlich gezielt zu planen.
Evaluierung akustischer Vergrämungsmaßnahmen
Ein zweiter Arbeitsschwerpunkt ist die Entwicklung und Überprüfung akustischer Vergrämungsmethoden, die den Fischotter gezielt aus Konfliktbereichen fernhalten sollen. Ziel ist es, gezielt Otter von Fischteichen fernzuhalten, ohne ihr Verhalten in angrenzenden Habitaten negativ zu beeinflussen oder andere Arten (Fische, Vögel, Amphibien) zu beeinflussen.
Die Evaluierung umfasst kontrollierte Tests in der Teichwirtschaft, bei denen erfasst wird, ob die Tiere durch die akustischen Signale abgehalten werden, Teiche zu betreten oder dort Beute zu machen. Hierfür werden im Winter dicht besetzte Teiche mit akustischen Warngeräten beschallt und mit Fotofallen überwacht. Effekte auf das Vorkommen und Verhalten der Tiere sollen so bestimmt werden. Zur Bestimmung der Wirksamkeit werden Kontrollteiche ebenfalls beprobt, in denen keine akustischen Warngeräte eingesetzt werden.
Weiterhin soll getestet werden, ob diese Methode auch auf zeitlich begrenzte und ökologisch sensiblen Situationen anwendbar ist, zum Beispiel während der Laichzeiten von Lachsen, in denen Konflikte verstärkt auftreten können. Durch eine gezielte Steuerung der Vergrämungsmaßnahmen soll eine flexible, bezahlbare und praxistaugliche Lösung für Konfliktregionen entwickelt werden.
Erwartete Ergebnisse und Beitrag zum Management
Das Projekt liefert praxisrelevante Ergebnisse in zwei zentralen Konfliktfeldern: (1) der Nutzung von Fischteichen und (2) der Gefährdung durch Straßenverkehr. Die innovativen, nicht-invasiven Telemetriemethoden stellen einen wichtigen methodischen Fortschritt dar und ermöglichen hochaufgelöste, belastbare Daten, die bislang nicht verfügbar waren.
Die Ergebnisse ermöglichen es, Konfliktursachen differenziert zu identifizieren, gezielte Schutz- und Vermeidungsmaßnahmen zu entwickeln und deren Wirksamkeit zu evaluieren. Für die Teichwirtschaft bedeutet dies die Grundlage für praxisnahe Lösungen zur Minderung wirtschaftlicher Schäden, für den Artenschutz entsteht die Möglichkeit, Gefährdungen durch den Straßenverkehr zu reduzieren und eine nachhaltige Koexistenz zwischen Mensch und Fischotter zu fördern.
Insgesamt schafft das Projekt damit die wissenschaftliche und praktische Basis für ein integratives Management, das den Schutzstatus des Otters mit den Anforderungen der fischereiwirtschaftlichen Nutzung in Einklang bringt.
In diesem Film wird die Forschung zu Fischottern vorgestellt. Diese Säugetiere etablieren sich in Schleswig-Holstein seit einiger Zeit wieder. Am ITAW wird unter anderem der Gesundheitszustand des Bestands anhand der Obduktion von Totfunden untersucht. So können Rückschlüsse auf Gefahren gezogen werden, denen die Fischotter durch den Menschen ausgesetzt werden und Lösungen für den Fischotterschutz erarbeitet werden.
Der Fischotter im Portrait
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Kontaktperson
Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung
Werftstr. 6
25761 Büsum
Dr. Tobias Schaffeld
Phone: +49 (0)511-8568164
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