Fünf Jahre Pandemieforschung in Niedersachsen: Was haben Medizin und Gesellschaft aus der Corona-Krise gelernt?

Abschlusssymposium des COVID-19 Forschungsnetzwerks Niedersachsen (COFONI): Ergebnispräsentation aus fünf Jahren Pandemieforschung und Gesprächsrunde mit Expert*innen aus Wissenschaft, Politik, Gesundheit und Gesellschaft zur Vorbereitung auf zukünftige Krisen mit gesundheitlich-sozialen Folgen. Die Veranstaltung fand am 4. und 5. Juni 2026 in Hannover mit 150 Teilnehmenden statt. Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs eröffnet mit Grußwort, Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi mit Grußwort und auf dem Podium vertreten.

Gruppenfoto: COFONI-Abschlusssymposium in Hannover
COFONI-Abschlusssymposium in Hannover (v.l.n.r.; Reihe vorne): Falko Mohrs, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, Dr. Andreas Philippi, Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Professorin Dr. Maren von Köckritz-Blickwede, COFONI-Co-Sprecherin und Leiterin des Instituts für Biochemie der TiHo, Professor Dr. Berthold Vogel, Co-Vorsitzender des COFONI-Long-/Post COVID-Komitees und geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI); (v.l.n.r.; Reihe hinten): Professor Dr. Jürgen Wienands, COFONI-Sprecher und Forschungsdekan der Medizinischen Fakultät an der Universitätsmedizin Göttingen, Professor Dr. Wolfgang Brück, Sprecher des Vorstandes und Vorstand Forschung und Lehre der UMG, Professor Dr. Klaus Osterrieder, Präsident der TiHo, Professor Dr. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ).
© anna junge

Das Land Niedersachsen hat mit der Gründung des COVID-19 Forschungsnetzwerks Niedersachsen (COFONI) im Oktober 2020 Strukturen geschaffen, um die Corona-Pandemie zu bewältigen und auf zukünftige Gesundheitskrisen vorbereitet zu sein. Neuartige Krankheitsbilder wie COVID-19 und Long-/Post COVID, nachhaltige Veränderungen im Berufs- und Privatleben sowie eine Zunahme psychischer Erkrankungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, sind Folgen der Pandemie. Ziel des in dieser Form gänzlich neuen niedersächsischen Verbundvorhabens war es, diesen Auswirkungen mit einer koordinierten Zusammenarbeit von Grundlagen-, klinischer und Versorgungsforschung sowie der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften zu begegnen – auch bundesweit ein einzigartiges Vorgehen. Neben grundlegenden Fragen zum SARS-Coronavirus-2 (SARS-CoV-2) sollten molekulare Krankheitsmechanismen entschlüsselt, therapeutische Ansatzpunkte gefunden und Handlungsempfehlungen für zukünftige Gesundheitskrisen entwickelt werden. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Erforschung gesellschaftlich-sozialer Folgen der Pandemie. Das Netzwerk wurde seit seiner Gründung von der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) koordiniert und mit insgesamt rund 19 Millionen Euro vom Land Niedersachsen gefördert.

Zum Abschluss präsentierten und diskutierten Wissenschaftler*innen und Expert*innen aus Politik, Gesundheit und Gesellschaft am 4. und 5. Juni 2026 im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen in Hannover Ergebnisse und Erkenntnisse vor 150 Gästen. Prof. Dr. Wolfgang Brück, Sprecher des Vorstandes und Vorstand Forschung und Lehre der UMG, eröffnete die Veranstaltung. 

Falko Mohrs, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, betonte in seinem Grußwort: „COFONI zeigt eindrucksvoll, wie eine vernetzte, wissenschaftsgetriebene und zugleich praxisnahe Forschung gelingen kann. Das heutige Symposium markiert den Abschluss einer wichtigen Phase der niedersächsischen Infektionsforschung. Durch die enge Bündelung wissenschaftlicher und klinischer Expertise sowie eine konsequent interdisziplinäre Ausrichtung zentraler Forschungsfragen haben niedersächsische Forschende entscheidend zur Bewältigung der COVID‑19‑Pandemie beigetragen. Besonders hervorzuheben ist, dass durch die frühzeitige Aufnahme von Long COVID in das Forschungsprogramm bereits 2021 die langfristigen Folgen der Pandemie adressiert wurden. Damit wird deutlich, dass die Forschenden in Niedersachsen das Potenzial haben, einen wesentlichen Beitrag zur kürzlich von der Bundesregierung ausgerufenen Nationalen Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen zu leisten.“ 

8 Forschungsschwerpunkte, 38 Kooperationsprojekte, 25 Partnerinstitutionen 
Prof. Dr. Jürgen Wienands, Sprecher des COFONI-Netzwerkes und Forschungsdekan der UMG, resümierte: „Wir haben in den vergangenen fünf Jahren in fachübergreifenden Projekten verschiedenste Expertisen aus ganz Niedersachsen gebündelt, um das SARS-Coronavirus-2 und seine Krankheitsmechanismen zu verstehen. Unsere biomedizinische Forschung in COFONI hat sich insbesondere darauf konzentriert, die komplexen Immunmechanismen zu charakterisieren und molekulare Grundlagen für neue Medikamente zu entschlüsseln. So haben wir Antikörper gefunden, die einen breit wirksamen Schutz bieten. Zudem haben wir gezielt einen zellulären ‚Türöffner‘ in der Lunge blockiert, den das Virus zum Eintritt nutzt, und darüber hinaus erforscht, ob bereits bestehende Wirkstoffe modifiziert werden können, um die Vermehrung des Virus zu unterdrücken. Insgesamt haben wir wichtige Grundlagen geschaffen, die helfen, uns auch gegen künftige pandemische Bedrohungen zu wappnen."

Prof. Dr. Maren von Köckritz-Blickwede, stellvertretende COFONI-Sprecherin und Leiterin des Instituts für Biochemie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, ergänzte: „Ein essenzieller Bestandteil dieser Grundlagen ist unsere COFONI-Technologieplattform, die ein wissenschaftliches Fundament für die künftige Pandemievorsorge bildet und sich in vier Kernbereiche gliedert: die Entwicklung von Tiermodellen und In vitro-Testsystemen unter Hochsicherheitsbedingungen, den Aufbau von nachhaltigen Biobanken für Patient*innenproben und einer zentralen Forschungsdatenbank sowie der Public Outreach zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit. So konnten wir beispielsweise ein altersabhängiges Hamstermodell entwickeln, das besonders gefährdete Patient*innengruppen abbildet, aber auch schonende Testmethoden wie Videoanalysen zur Erfassung des Tierverhaltens oder geeignete Tierversuchsersatzmethoden etablieren.“

Als im Verlauf der Corona-Krise mit Long-/Post COVID ein neuartiges Krankheitsbild auftrat und die Auswirkungen der Pandemie auf nahezu alle Lebens- und Arbeitsbereiche deutlicher wurden, erweiterte sich der Forschungsverbund. Es wurden weitere Expertisen aus Krankenversorgung sowie Sozial- und Gesellschaftswissenschaften in das Forschungsprojekt integriert.

ProfDrChristine SFalk, Vorsitzende des COFONI-Long/Post-COVID-Komitees und Leiterin des Instituts für Transplantationsimmunologie der Medizinischen Hochschule Hannover, erläuterte: „Die COFONI-Forschung kombiniert immunologische, virologische und pathophysiologische Forschung an klinisch hervorragend charakterisierten COVID-19-Kohorten aus der akuten Phase der COVID-19-Pandemie. Früh bezog sie auch das Long-COVID-Syndrom ein, das initial von betroffenen COVID-19-Patient*innen definiert wurde. Von Anfang an flossen neben den biomedizinischen Aspekten auch sozialwissenschaftliche Perspektiven in die Projekte ein. Das verlieh dem gesamten Bereich der Post-Infektions-Erkrankungen nicht nur eine deutlich stärkere Sichtbarkeit, sondern rückte auch andere Post-Infektions-Syndrome, wie beispielsweise das durch eine anhaltende körperliche und geistige Erschöpfung gekennzeichnete Fatigue-Syndrom, in den Fokus der Forschung. Diese Alleinstellungsmerkmale sind nicht nur im nationalen Vergleich bemerkenswert, sondern zeigen einmal mehr, wie sinnvoll eine disziplinübergreifende und nachhaltige Vernetzung für die Betroffenen ist.“

Prof. Dr. Berthold Vogel, Co-Vorsitzender des COFONI Long-/Post COVID-Komitees und Geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universität, skizzierte die Forschung im Bereich der Lebens- und Arbeitswelt: „COFONI-Forschung steht auch für die Einbeziehung der gesellschaftlichen Folgen der Pandemie. Ein wichtiger Fokus war die Arbeitswelt. Hier sehen wir zum Beispiel, dass die Mehrheit der Post COVID-Betroffenen ohne entsprechende Anpassungen der Arbeitsbedingungen weiterarbeitet. Die betriebliche Praxis muss hier aufmerksamer werden, zumal auch internationale Studien zeigen, dass der ökonomische Schaden durch Post COVID-bedingte Erkrankungen erheblich ist. Ein weiterer zentraler Punkt ist, dass die Pandemie erhebliche institutionelle und soziale Vertrauensverluste nach sich zog. Die sozialen Langzeitfolgen der Pandemie gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ 

Während der Abschlussveranstaltung stand in verschiedenen Dialogformaten die Frage im Mittelpunkt, was Gesellschaft und Politik aus der Corona-Pandemie gelernt haben, und wie gut die Vorbereitungen auf künftige Krisen mit sozialen und gesundheitlichen Auswirkungen sind. Unter der Moderation von Dr. Christina Berndt, Wissenschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung, diskutierten Akteur*innen aus Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen, Wirtschaft, Kommunen, Sozialverbänden und Kirchen sowie Patient*innen und Jugendvertretungen.

Zu den Gesprächspartner*innen zählten beispielsweise Dr. Georg Schütte, Vorstand der VolkswagenStiftung, Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, sowie Dr. Andreas Philippi, Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, der die Situation aus politischer Sicht wie folgt beurteilte: „Die Corona-Pandemie hat Politik und Gesellschaft viel abverlangt. Es wurden mitunter unpopuläre Entscheidungen getroffen, die vor allem deshalb so herausfordernd waren, weil wir es mit einem neuartigen und zunächst unerforschten Virustyp zu tun hatten. Heute wissen wir, dass das Krankheitsbild von COVID-19 genauso wie seine Langzeitfolgen sehr divers und komplex sind. Teilweise gehen sie weit über den Bedarf der klassischen haus- und fachärztlichen Versorgung hinaus, was zeitnahe, strukturierte und interdisziplinäre Behandlungen dringend erforderlich macht. Die Arbeit von COFONI setzt genau hier an und liefert wichtige Erkenntnisse, um Patient*innen mit Long- oder Post COVID bedarfsgerecht unterstützen zu können. Gleichzeitig lassen sich aus den Ergebnissen klare Handlungsempfehlungen für künftige gesundheitliche Krisen ableiten. Ich danke allen an dem Netzwerk Beteiligten für dieses überaus wichtige Engagement!“ 

COVID-19 Forschungsnetzwerk Niedersachsen (COFONI)
Das Netzwerk wurde im Oktober 2020 auf Initiative von Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität Göttingen, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Medizinischer Hochschule Hannover und Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover gegründet. Darüber hinaus gehören dem Netzwerk das TWINCORE (Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung), das Deutsche Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung, das Zentrum für Individualisierte Infektionsmedizin, die Technische Universität Braunschweig sowie die Leibniz Universität Hannover an. Für die Erforschung der gesellschaftlichen und sozialen Langzeitfolgen schlossen sich unter anderem das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen an der Georg-August-Universität, die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Universität Osnabrück, Universität Hildesheim und die Leuphana Universität Lüneburg dem Netzwerk an. 

Die besondere Strategie des Forschungsverbundes war es, die niedersächsischen Kompetenzen in der Pandemie-Forschung zusammenzuführen, um die vorhandenen interdisziplinären und komplementären Expertisen optimal nutzen zu können. Die nötigen technischen Kompetenzen werden mit einer zentralen Technologieplattform gebündelt. Sie stellt allen Netzwerk-Beteiligten Daten und Biobanken sowie übergreifende Methoden und Tiermodelle zur Verfügung.

Weitere Informationen zum COVID-19 Forschungsnetzwerks Niedersachsen (COFONI) finden Sie hier.

Kontakt
Prof. Dr. Maren von Köckritz-Blickwede
Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Institut für Biochemie
Tel.: +49 511 953-8787
Maren.Von.Koeckritz-Blickwede@tiho-hannover.de