Zukunft durch Wandel?! – Brauchen wir Nachhaltigkeitstransformation in schweren Zeiten?

Zwischen Ernährungssicherung und Nachhaltigkeitszielen: Zum Auftakt des Verbundprojekts agri:change kamen rund 160 Expert:innen an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) zusammen, um Wege für eine krisenfeste und zukunftsfähige Agrar- und Ernährungswirtschaft zu entwickeln.

Redner der agri:change Auftaktveranstaltung
© Lena Möllers (trafo:agrar)

Wie kann es gelingen, die Agrar- und Ernährungssysteme nachhaltig in die Zukunft zu führen – gerade vor dem Hintergrund geopolitischer Krisen, globaler Unsicherheiten und wachsender Anforderungen an die Ernährungssicherheit? Mit dieser zentralen Frage beschäftigte sich die agri:change Auftaktveranstaltung „Zukunft durch Wandel?! – Brauchen wir Nachhaltigkeitstransformation in schweren Zeiten?“ Das Großvorhaben agri:change wird vom Land Niedersachsen mit 24,74 Millionen Euro unterstützt – gefördert durch zukunft.niedersachsen, dem gemeinsamen Wissenschaftsförderprogramm des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung.

Beim Auftakt verdeutlichten Forschende die Spannungen zwischen ambitionierten Nachhaltigkeitszielen und der Notwendigkeit einer preiswerten Ernährungssicherung und diskutierten, welche Herausforderungen, Zielkonflikte und neue Handlungsspielräume sich für Forschung und Praxis ergeben. 

Wie Wandel gelingen kann

„Die Herausforderungen für die Agrar- und Ernährungswirtschaft als zweitwichtigste Wirtschaftsbranche unseres Landes sind komplexer denn je: Klimawandel, Ressourcenknappheit, geopolitische Unsicherheiten und steigende gesellschaftliche Erwartungen verlangen neue Antworten,“ erklärte Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs. Er unterstrich zusätzlich, wie der Wandel gelingen kann: „Innovationen aus der Wissenschaft können neue Wege eröffnen und praxistaugliche Lösungen ermöglichen – beispielsweise um die Effizienz der Höfe und Betriebe zu steigern, Ernten zu stabilisieren und zugleich Nachhaltigkeit und Tierwohl voranzubringen. Als Land investieren wir daher rund 68 Millionen Euro in drei große Forschungsverbünde im Agrar- und Ernährungsbereich. Mit agri:change schaffen wir eine starke wissenschaftliche Grundlage, um die niedersächsische Landwirtschaft und damit unsere Ernährungssicherheit zukunftsfest weiterzuentwickeln.“

Um tragfähige Innovationen zu entwickeln, ist eine enge Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Praxis unerlässlich. „Eine erfolgreiche Nachhaltigkeitstransformation erfordert ein breites Spektrum an Kompetenzen“, betonte Prof. Dr. Bernhard Brümmer (Vizepräsident der Universität Göttingen). „Mit ihrer umfassenden wissenschaftlichen Expertise erschließt die Universität Göttingen gemeinsam mit allen weiteren Beteiligten zentrale Zukunftsfelder, qualifiziert wissenschaftlichen Nachwuchs und adressiert im Projekt agri:change drängende gesellschaftliche Fragestellungen,“ so Brümmer.  

Aus dem gebündelten Wissen sollen konkrete Lösungen für die Praxis entstehen. Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte erläuterte hierzu: „Wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Entwicklungen bieten uns enorme Chancen für mehr Nachhaltigkeit und Wachstum. Doch dieses Wissen kann erst dann wirken, wenn sich daraus wirtschaftliche Perspektiven ergeben. Der Forschungsverbund agri:change hat die Aufgabe, dieses Wissen zu vertiefen und zu testen. Im besten Fall ergeben sich so nicht nur neue Impulse für die Agrar- und Ernährungswirtschaft, sondern auch anschlussfähige Lösungen für niedersächsischen Betriebe.“ 

agri:change – Wandel gemeinsam gestalten

Unter dem Leitmotiv „Zukunft durch Wandel“ verfolgt das Projekt agri:change das Ziel, strukturelle Veränderungen in der niedersächsischen Agrar- und Ernährungswirtschaft aktiv mitzugestalten. Eine starke Praxisorientierung und offene Dialogformate ermöglichen eine enge Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Praxis und Gesellschaft. 

Neben der Universität Göttingen als Projektleitung und dem Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen (trafo:agrar) als transdisziplinäre Leitung sind die TiHo Hannover, die Universität Vechta, die Hochschule Osnabrück, die Universität Osnabrück, die TU Braunschweig, die Leibniz Universität Hannover, die ETH Zürich, die Leuphana Universität Lüneburg, die Jade Hochschule, die Hochschule Fulda, das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik, das Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung, das Johann Heinrich von Thünen-Institut sowie zahlreiche Partner aus der Agrar- und Ernährungswirtschaft an dem Projekt beteiligt. 

Kernbestandteile von agri:change sind vier sogenannte agri:labs – Reallabore, in denen konkrete Fragestellungen gemeinsam mit Praxispartnern bearbeitet werden. Die Themen reichen von kreislauforientierter Ressourcennutzung über Tierwohl bis hin zu innovativen Geschäftsmodellen und gesellschaftlicher Akzeptanz. Prof. Dr. Klaus Osterrieder (Präsident der TiHo Hannover) erklärt: „Eine der zentralen Fragen betrifft, wie sich die Nutztierhaltung wandeln wird. Wie können wir dem Tierwohl, der Lebensmittelsicherheit und dem One-Health-Gedanken einen hohen Stellenwert einräumen und gleichzeitig eine Landwirtschaft betreiben, die Landwirtinnen und Landwirten ein gutes Auskommen sichert? In agri:change werden diese Themen von einem großen Kollegium der TiHo umfassend bearbeitet.“

Brauchen wir Nachhaltigkeitstransformation in schweren Zeiten? 

In Politik und Öffentlichkeit entsteht derzeit zunehmend der Eindruck eines Rückschritts: Langfristige Nachhaltigkeitsziele treten zugunsten kurzfristiger wirtschaftlicher Aspekte in den Hintergrund. Im Rahmen der Podiumsdiskussion wurden diese Spannungen bewusst aufgegriffen. Es diskutierten Ministerin Miriam Staudte (Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz), Landwirtin Lotta Kaper (Hof Kaper, Varel), Gisela Wicke (NABU e. V.), Prof. Dr. Urs Niggli (Präsident des Instituts für Agrarökologie) sowie Prof. Dr. Bernhard Brümmer (Vizepräsident der Universität Göttingen). Aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten sie den aktuellen Stand, bestehende Zielkonflikte, die Rollen von Politik, Praxis, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sowie zentrale Erfolgsbedingungen für eine nachhaltige Transformation und eröffneten einen gemeinsamen Dialog mit dem Publikum. 

Ausblick: Nachhaltigkeit als Grundlage für Resilienz

Die Auftaktveranstaltung machte deutlich: Nachhaltigkeit und Ernährungssicherung sind kein Widerspruch. Vielmehr ist eine nachhaltige Transformation die Voraussetzung für resiliente und zukunftsfähige Agrar- und Ernährungssysteme – in Niedersachsen und darüber hinaus. Die auf der Veranstaltung gewonnenen Impulse, neu geknüpften Kooperationen und gemeinsam geschärften Ideen werden von den agri:change-Partnern nun weitergeführt und zu praktischen Konzepten verdichtet. So sollen konkrete Transformationspfade entstehen, die ökologisch wirksam, ökonomisch tragfähig und gesellschaftlich anschlussfähig sind. 

Kontakt
Prof. Dr. Nicole Kemper
Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie
Tel.: +49 511 856-8951
nicole.kemper@tiho-hannover.de