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Menschlichkeit für Mäuse

Menschlichkeit für Mäuse

 

Forscher im Dilemma: Wer Versuchstiere artgerecht halten will, muss womöglich mehr von ihnen töten

Von Antje Wöhnke 

Nennen wir sie Joey. Sie ist weiß, etwa zehn Zentimeter groß, ausgestattet mit rosa Näschen, schwarzen Knopfaugen und agilem Wesen. Wenn sie nicht schläft, beschnuppert sie jeden Millimeter transparenter Plastikwand ihres schuhkartongroßen Käfigs nach neuen Eindrücken – immer wieder vergeblich denn außer einem Gitter oben, einem Spender für Futter und einem für Wasser ist nichts da. Joey langweilt sich im Dienst der Forschung. Ihr könnte es besser gehen, meinen die einen, andere fürchten, das Vergnügen der Maus könnte teure Studien wertlos machen. 

Dabei ist es fast schon beschlossene Sache, dass Mäuse wie Joey künftig mehr Spaß in den Käfig bekommen – in Form von Klettergerüsten, Schlafhäuschen und Nestbaumaterial. Das klingt zunächst nicht nach Stoff für einen Streit. Schließlich hat kaum jemand etwas gegen artgerechte Tierhaltung. Dennoch könnte diese Idee weitreichendere Folgen haben, als die gerade beschlossene Verankerung des Tierschutzes im Grundgesetz. Denn so einfach ist es nicht mit der Menschlichkeit für Mäuse, wie Versuchstierkundler auf einer internationalen Tagung in Aachen feststellen mussten. 

Das Schlüsselwort heißt „Environmental enrichment“. So nennen Wissenschaftler das neue Wohlfühlangebot für mehr Lebensqualität im Laborkäfig. Was den Tieren das Leben angenehmer machen könnte, macht den Forschern das Leben schwer. Wie eine Maus gehalten wird, schlägt nämlich auf die Versuchsergebnisse durch – mit vielerlei Konsequenzen. Am meisten macht den Wissenschaftlern dabei Kopfschmerzen: Je unterschiedlicher die Mäuse werden, umso mehr streuen die Versuchsergebnisse. Auch genetisch identische Tiere sind bald kleine Individualisten, wenn sie in einer anregenden Umgebung aufwachsen. „Die entwickeln sich durch die Umweltreize einfach auseinander“, sagt Andreas Haemisch vom Uniklinikum in Hamburg Eppendorf. 

Versuchstierkundler an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover gehören zu den wenigen, die derartige Unterschiede bereits belegen können. „Das Milzgewicht wird variabel um den Faktor zehn“, weiß Hansjoachim Hackbarth, Leiter des dortigen Tierschutzzentrums. Die Veterinäre haben bei Merkmalen wie Blutwerten, Organgewichten und Fortpflanzungsfähigkeit festgestellt, dass diese bei Mäusen aus „Wellness“-Käfigen mehr streuen als bei Tieren aus konventioneller Haltung. 

Das bedeutet für die Tierschützer eine Zwickmühle: Wenn die Ergebnisse ungenauer sind, brauchen Forscher mehr Tiere für eine gesicherte wissenschaftliche Aussage. Für ein angenehmeres Mausleben müssten dann möglicherweise mehr Tiere in Experimenten geopfert werden. Wo aber bleibt dann der Tierschutz? Wie lässt sich höhere Lebensqualität gegen „eingesparte“ Leben abwägen? 

Hansjoachim Hackbarth tendiert dazu, den Einzelfall zu betrachten: „Wenn die Tiere für Krebsstudien unter Tumoren stark leiden müssen, dann würde ich lieber auf das Schlafhäuschen verzichten und möglichst wenige Tiere einsetzen.“ So wie der Tierarzt aus Hannover denken viele Wissenschaftler – was neben den ethischen Fragen gleich in die nächste Diskussion führt. 

„Wir müssen die Vergleichbarkeit der Ergebnisse sichern. Das ist das A und O“, mahnt Peter Scheuber, Leiter der zentralen Versuchstierhaltung der Universität München. Wenn nämlich jeder seine Mäuse hält, wie es ihm ethisch am verträglichsten erscheint, ist es vorbei mit standardisierten Versuchsbedingungen. Die Folge: Neu gewonnene Ergebnisse können nicht mit früheren Resultaten verglichen werden, und noch laufende Studien lassen sich kaum nahtlos fortführen. Zum Nacharbeiten von Versuchsreihen müssten wohl wiederum Tiere sterben – für Ergebnisse, die es eigentlich schon gibt. Erneut bliebe der Tierschutz auf der Strecke. 

Auch bei Experimenten, in denen die Tiere nicht ihr Leben lassen müssen, stehen die Wissenschaftler vor riesigen Fragezeichen. Alle, die das Verhalten von Mäusen auswerten, können praktisch von vorn anfangen – sei es in der Entwicklung von Psychopharmaka oder wenn es darum geht, das Ergebnis einer Mutation festzustellen. Denn wie soll man unterscheiden, wie stark sich das Verhalten durch ein Medikament oder einen Versuchsreiz ändert und wieviel davon schon auf das Konto des neuen Klettergerüstes im Käfig geht? 

Diese Frage müsste man noch dazu für jeden Mäuse-Typ extra beantworten: Denn eine Labormaus ist keine Feldmaus mehr. „Die Maus gibt es bei uns nicht. Die Stämme haben bis zu 300 Generationen Inzucht hinter sich – und jeder verhält sich anders“, erklärt Joachim Meyer, Versuchstierkundler an der Universität München. Zudem ahnt niemand, welchen Effekt es hat, wenn Tiere während der Zucht in einem Wohlfühlkäfig leben und im Versuchskäfig dann plötzlich nur noch nüchterne Wände sehen. „Das weiß der liebe Gott, da hat noch keiner dran geforscht“, so Hansjoachim Hackbarth. 

Der Forschung droht demnach das totale Chaos – wenn sich die Versuchstierkundler nicht bald etwas einfallen lassen. Um all die Unwägbarkeiten in den Griff zu bekommen, haben die in Aachen versammelten Experten der Federation of European Laboratory Animal Science Association (Felasa) eigens einen Ausschuss gegründet. Doch noch stehen sie ratlos vor den Käfigen. Und das in einer Zeit, in der eine immense Zunahme von Tierversuchen ins Haus steht. 

Zur Zeit leben rund 1,8Millionen Versuchstiere in Deutschland, die Hälfte davon Mäuse. „Weltweit existieren etwa 3000 Mausmutanten, aber das wird in Zukunft schnell zunehmen“, meint Werner Müller von der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig. Denn nachdem das Erbgut der Maus nahezu entziffert ist, geht es nun darum, aus der bloßen Sequenz verwertbare Informationen zu erhalten – sie beispielsweise mit dem Genom des Menschen zu vergleichen. Der Weg dahin führt über viele tausend Mausmutanten. Das sind Mausfamilien mit speziellen Gendefekten. Labortierzüchter halten Kleinfamilien dieser Tiere auf Vorrat. Bei den etwa 30 000 Genen der Maus und durchschnittlich fünf Mutationen pro Gen braucht man rein rechnerisch 150000Mausstämme, wenn man die Gen-Funktionen möglichst vollständig untersuchen möchte. Um all diese Stämme in der Zucht parat zu haben, würden an die 60Millionen Tiere gebraucht – eine Rechnung, die Pierre Cambon, Direktor des Instiuts für Genetik und Molekulare Biologie in Straßburg aufmacht (1). Die GBF in Braunschweig plant für den Herbst einen Anbau an ihre erst zwei Jahre alte Versuchstieranlage. Denn die ist mit 8000 Mäusen schon jetzt voll belegt. 

Doch selbst wenn der Bauboom der – noch dazu artgerechten – Maushäuser bewältigt ist, droht durch die Änderung des Grundgesetzes der nächste Aufruhr: Schon bisher gelingt es Tierversuchsgegnern, die Arbeit von Ethikkommissionen zu blockieren, die über Tierversuche entscheiden. Nun ist der Tierschutz zum Staatsziel erhoben worden. Und die Verbände der Tierversuchsgegner suchen Wege, jeden einzelnen Forscher zu verklagen, der an Tieren arbeitet. Markus Brielmeier vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit bei München ist sich sicher: „Das wird noch einen großen Aufschrei produzieren.“ 

Was unterdessen noch fehlt, ist Klarheit in einem entscheidenden Punkt: Was gefällt Nagern wie Joey wirklich? Denn es ist nicht einmal ausreichend erforscht, welche Umgebung den Tieren zum Wohlfühlen verhilft. „Was wir als positiv ansehen, muss nicht positiv für die Mäuse sein. Denn was in unsere Optik passt, passt nicht unbedingt in die der Tiere“, resümiert Hansjoachim Hackbarth. Eine junge Maus aus Joeys Stall liefert dafür die Bestätigung: Als einzige in der Familie benutzt sie das gemütliche Schlafhäuschen konsequent als Mäuseklo. 

(1) Nature, Bd.417, S.785, 2002

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