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Atypische Myoglobinurie des Pferdes
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Klinik für Pferde
Tierärztliche Hochschule Hannover
Direktor: Univ.-Prof. Dr. Karsten Feige
Bischofsholer Damm 15
Haus-Nr. 118
30173 Hannover
Tel.: (0511) 856-7233
Fax.: (0511) 856-7688 / 7677
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Aktuell (Herbst 2009) sind Verdachtsfälle von atypischer Weidemyopathie bei mehreren Pferden in Nordrheinwestfalen und Niedersachsen aufgetreten.
Eine
Forschungsgruppe der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Lüttich beschäftigt sich mit epidemiologischen und pathophysiologischen Aspekten dieser Erkrankung. Dort finden Sie auch zwei Fragebogen (Epidemiologischer Fragebogen vom Besitzer auszufüllen; klinischer Fragebogen vom Tierarzt
auszufüllen) der Universität Lüttich zu Erkrankungsfällen. Sie können durch das Ausfüllen dieser Fragebogen einen wichtigen Beitrag zur weiteren Erforschung der atypischen Myopathie leisten.
Klinische Symptome, Therapie und Prognose
Muskelerkrankungen treten beim Pferd in erster Linie als belastungsinduzierte Myopathien auf und sind unter den Begriffen Kreuzverschlag, „Tying up“-Syndrom oder dem englischen Begriff des „Equine Rhabdomyolysis Syndrome“ bekannt. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass es sich dabei um verschiedene klinische Manifestationen der gleichen Erkrankung handelt. Die atypische Myoglobinurie der Weidepferde gehört vermutlich ebenfalls zu diesem Krankheitskomplex, tritt im Unterschied zu den vorgenannten Myopathien jedoch nicht belastungsassoziiert auf.
Bei der atypischen Myoglobinurie der Weidepferde handelt es sich um eine bisher eher selten beschriebene Erkrankung, die in der Literatur erstmals 1976 erwähnt wird. Im Weiteren sind in den 80er Jahren Fälle in England und Schottland aufgetreten. Die weitaus größte Zahl von an einer Weidemyoglobinurie erkrankten Pferden wurde im Herbst 1995 in Deutschland mit 103 Fällen beschrieben. Seither sind immer wieder sporadisch oder gehäuft auftretende Fälle in Belgien, der Schweiz, Deutschland und anderen europäischen Ländern bekannt geworden.
Die Erkrankung kommt bei Pferden verschiedener Altersgruppen vor, meist aber bei jüngeren Tieren in gutem Allgemeinzustand. Geschlechts- oder rassespezifische Unterschiede kommen nicht vor. Übereinstimmend sind in allen Literaturangaben und auch bei den an unserer Klinik vorgestellten Tieren ausschließlich Weidepferde betroffen, wobei die Erkrankung bei einem oder mehreren Pferden gleichzeitig auftreten kann. Die Weidemyoglobinurie kommt immer nur phasenweise und dann gehäuft in den Herbst- und Wintermonaten vor. Krankheitsbegünstigend wirken kalte Witterungsverhältnisse mit Frostperioden über 1 – 2 Tage. Erkrankte Pferde hatten in Einzelfällen vor Ausbrüchen Zugang zu Baumrinde von meist abgestorbenen Bäumen. Dementsprechend werden in der Umgebung der Pferde vorkommende Agenzien, eventuell Mykotoxine oder Toxine anderer Art für die Entstehung der Krankheit verantwortlich gemacht. Monensin konnte bisher in keinem Fall als Auslöser für die Erkrankung festgestellt werden. Die Ätiologie der atypischen Myoglobinurie gilt derzeit als nicht gesichert.
Klinische Symptome treten plötzlich in Form eines steifen Ganges auf, ohne dass die Pferde vorher bewegt oder angestrengt gearbeitet worden sind. Diese Symptomatik wird sehr schnell begleitet von einer Myoglobinurie. Die Tiere sind oft apathisch und können auch Koliksymptome zeigen. Bezeichnenderweise ist der Appetit meist erhalten, selbst wenn die Pferde zum Festliegen kommen. Daneben können Muskelzittern und ein schwankender Gang auftreten. Fieber, erhöhte Atem-
und Herzfrequenz sind häufig vorkommende Symptome, die aber nicht zwingend vorhanden sind.
Labordiagnostisch ist die Erkrankung in erster Linie charakterisiert durch dramatisch erhöhte Muskelenzymwerte. Beispielhaft seien zu erwartende Werte der Kreatinkinase von über 500 000 IE/l genannt. Weitere typische Laborbefunde sind erhöhte Werte von AST, LDH und SDH. Daneben kann es meist im Endstadium der Erkrankung zu einer manifesten Hypokalzämie kommen.
In der Regel nimmt die atypische Myoglobinurie einen schnellen, progredienten Verlauf, wobei betroffene Tiere im Endstadium zum Festliegen kommen. Die Mortalitätsrate ist im Vergleich zu anderen Myopathien sehr hoch. Das offensichtliche Leiden der Tiere und die gezeigten Schmerzäußerungen sind jedoch im Verhältnis zum Schweregrad der Erkrankung relativ gering. Die Prognose muß aber in jedem Fall schlecht bis infaust beurteilt werden.
Auf Grund der nicht bekannten Ätiologie der Erkrankung gestaltet sich die Behandlung rein symptomatisch und besteht in der Regel aus einer Flüssigkeitstherapie. Daneben wird die Verabreichung von Analgetika, nichtsteroidalen Antiphlogistika,
Kortikosteroiden und Antibiotika empfohlen.
Die Flüssigkeitstherapie, insbesondere der Ca-Status erfordert auf Grund einer drohenden Hypokalzämie eine intensive Überwachung.
Die Todesursache von Pferden, die an einer atypischen Myoglobinurie eingehen, ist nicht sicher geklärt. Veränderungen des Herzens sowie des Zwerchfells im Zusammenhang mit der oft bestehenden Hypokalzämie spielen hier jedoch vermutlich eine entscheidende Rolle. Eine Niereninsuffizienz ist zwar in der Regel vorhanden, aller Voraussicht nach aber nicht die primäre Todesursache.
K. Feige
© Dr. Rolf Wagels, Klinik für Pferde